Geplante Umstrukturierungen bei RTV Slovenija: Mögliche Einstellung von Regionalprogrammen + Senderwartung in Gefahr

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RTL 102.5 Fan
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Geplante Umstrukturierungen bei RTV Slovenija: Mögliche Einstellung von Regionalprogrammen + Senderwartung in Gefahr

Beitrag von RTL 102.5 Fan »

Ich habe aus Interesse mich die letzten Tage (Corona macht erfinderisch) mich näher mit den jüngsten Entwicklungen der slowenischen Medienszene, v.a. der geplanten Novellierung des Mediengesetzes, beschäftigt.

Wie ich darauf gekommen bin? Die aktuelle slowenische Regierung, nur seit März im Amt, scheint nun wieder am Ende zu sein - doch in den wenigen Monaten hat sie trotz Coronavirus zahlreiche Diskussionen losgetreten, da sie mit Änderungen im Mediengesetz durchaus gravierende Änderungen, gerade für RTV Slovenija, durchführen wollte bzw. noch immer will. Dies geht vor allem von der stärksten Regierungspartei, der SDS und deren Premier
Jansa aus.
Da in Österreich Entwicklungen in Slowenien trotz der engen Verbindungen in den Medien immer nur einen Absatz wert sind, bin ich neugierig geworden: Die Regierung sei nämlich wegen einer "Orbanisierung" Sloweniens gescheitert, so zumindest der Koalitionspartner, der ausgestiegen ist. Und es gehe dabei vor allem auch um RTV Slovenija, das von der Regierung seit Monaten in einer Art Kampagne schlechtgeredet wird, u.a. weil die Berichterstattung nicht angemessen sei und es, so der Kulturminister, "ein schlechtes Medium" sei. Insbesondere gegenüber Corona soll RTV nicht ausgewogen berichten und durch die Kritik an der Regierung dazu beitragen, dass die Slowenen die Maßnahmen nicht mittragen..

Dabei geht's um Posten, politische Einflussnahme, Medienvielfalt, Medienförderung - das Übliche halt. Wer mehr über diese Hintergründe lesen möchte, habe dazu einen Blogeintrag erstellt, der der Frage nachgeht, ob das mit der "Orbanisierung" nur die Opposition so sieht, oder ob da was dran ist: http://alpe-mare.de/blog-post/radioszen ... slovenija/

Wieso ist das Ganze hier relevant? Nunja,: Es geht ums Geld. RTV SLovenija mache Verluste, sei zu ineffizient, zu teuer und daher gehöre laut der Regierung viel verändert, das auch Auswirkungen auf die Radioprogramme bzw. auch die Infrastruktur haben könnte:

Auszug aus dem Blog:

Drohender Verlust lokaler Programme?
Eine vorgeschlagene Änderung betrifft den Artikel 77, der lokale Fernseh- und Radioprogramme definiert. Derzeit gilt solch ein lokales Programm eben als solches, wenn es eine bestimmte Gemeinschaft erreicht, maximal aber 10% der Gesamtbevölkerung. Die neue Regelung soll es regionalen Anbietern ermöglichen in nationalen MUXEN im Digitalradio DAB+ zu agieren. Der Slowenische Journalistenverband (DNS) kritisiert, dass sie dadurch ihre Regionalität und Integrität verloren würden, da eventuell einzelne Anbieter diese Lücke nützen, um eine nationale TV- oder Radiokette aufzubauen. Außerdem bemerkt der Journalistenverband an, dass nationale Kapazitäten in den MUXEN begrenzt sind und so thematisch unterschiedliche Programme möglicherweise verloren gehen. Durch die Wertsteigerung durch ein vergrößertes Sendegebiet könnte man einfacher neue nationale Versorgungsnetze aufbauen – eben auf Kosten von individueller, regionaler Qualität.

Unabhängig davon würden die Einsparungen bei RTV Slovenija wohl das Ende von Radio SI bedeuten. Der Sender wurde in den 1980er Jahren in Maribor als Radio MM2 gegründet und versorgte vor allem das damalige Südösterreich, v.a. den österreichischen Teil der Steiermark als dort noch keinerlei Privatfunk erlaubt war, da Österreich als eines der letzten Länder in Europa erst seinen Rundfunkmarkt liberalisierte – und das auch nur wegen Druck von außen durch eine Verurteilung durch den Europarat. Radio SI bietet englisch- und deutschsprachige Nachrichten sowie Verkehrsinformationen an und produziert auch englische Talkformate, die sich an Menschen richten, die in Slowenien leben. Die Abdeckung ist nicht flächendeckend, man versucht aber die Autobahnen abzudecken, in den größeren Städten ist Radio SI zumeist empfangbar.

Außerdem könnte es Radio Koper und eventuell Radio Capodistria treffen, beide im Westen des Landes aktiv. Radio Capodistria kann auf ebenso eine lange Geschichte zurückblicken, durch den gesetzlich verankerten Versorgungsauftrag als offizielles Sprachrohr der italienischen Minderheit in Istrien ist es aber etwas besser geschützt als Radio Koper, das Sparplänen wohl eher zum Opfer fallen dürfte.

Senderbetreuung
Ein wesentlicher Eckpunkt der Gesetzesnovelle ist auch der Vorschlag die „Sender- und Kommunikationsabteilung von RTV Slovenija“ in vollen Umfang in eine eigene Organisation umgewandelt werden, die nicht direkt mit RTV Slovenija in Verbindung steht. Sie soll weiterhin die Aufgaben der Ausstrahlung der öffentlich-rechtlichen Programme steuern, man solle dann auch jedoch alle privaten Anbieter übernehmen und die Verbreitung regeln. Laut der Regierung sei auch dieser Sektor zu ineffizient, weswegen man die Gründung einer marktorientierten Gesellschaft anstrebe. So können laut der Regierung die zu hohen Materialkosten reduziert werden.

In einer Aussendung vom 28. August versuchte die Abteilung diese Darstellung zu widerlegen: Ausgaben von knapp 17.000 stehen Kosten in Höhe von knapp 10.0000 entgegen, was einen Gewinn von 7.000 bedeutet. Es wird betont, dass immer mehr auch für private Organisationen Dienstleistungen erbracht werden – seit 2016 sei diese Quote um 19% gestiegen, 40% fallen auf Nichtrundfunkunternehmen, v.a. der Mobilfunk sei ein treuer Kunde. Auch sei die gesamte Umstellung auf Digitalisierung (auf DVB-T2 bzw. DAB+) von RTV Slovenija getragen worden, was zu zahlreichen Mehrkostenbelastungen geführt hätte. Die Gewinne der Abteilung würden so sogar positiv in das Gesamtbudget von RTV Slovenija hineinwirken. Eine Privatisierung hätte auch einen Verlust von Know-how zu bedeuten argumentiert man: Langjähriges Know-how, etwa in der Signalübertragung und der Wartung, würde so wegfallen.

Da das Budget für 2021 wieder nicht beschlossen wurde, geht man davon aus, dass die Senderwartung nicht mehr komplett im Jahr 2021 erfolgen könnte.



Weiterer Ausbau von Digitalradio DAB+
Slowenien expandiert mit seinem Netz an Digitalradio in den letzten Jahren massiv und hat umlängst neue regionalisierte MUXe (Multiplex-Plattformen) in Betrieb genommen. Eine geringere Liquidität könnte auch hier zu Reduktionen bzw. einer Streichung des weiteren Ausbaus führen. Dazu gibt es allerdings noch keine detaillierten Meldungen.

Programmreduktion
Obwohl keine genauen Informationen dazu vorliegen, würde ein Personalabbau von 500 Personen, die Schließung von zumindest zwei Lokalsendern und damit wohl eine erhebliche Reduktion der Programme im TV- und Radiobereich bedeuten. Gleichzeitig würde es wohl zu einer Abnahme der journalistischen Tätigkeiten in Slowenien und damit zu einer Reduzierung der Pluralität führen.


Die wichtigten Infos zu den Sendeanlagen sind diesem Bericht entnommen, da ist auch eine ausführliche Studie dabei: https://www.rtvslo.si/javna-razprava-o- ... ube/534561

Das ist derzeit mal nur ein Plan, 500 Angestellte und 15 Millionen sollen eingespart werden. Seit heuer ist RTV Slovenija auf jeden Fall in einen Art "Notbetrieb", da die Regierung anscheinend das Programm "aushungern" will bzw. davor auch Entscheidungen blockiert hat (ähnliches versucht man auch mit der Presseagentur). Dennoch haben auch die Mitte-links Regierungen davor nicht wirklich Reformen durchgeführt. Zu DAB+ und der Programmreduktion habe ich kaum was gefunden, das sind auch Vermutungen von mir drinnen. Radio SI hat selbst einen Aufruf bereits im Juli gestartet: https://www.rtvslo.si/radiosi/events/ra ... 021/530604


Wer mehr lesen möchte, nochmal mein Blog: http://alpe-mare.de/blog-post/radioszen ... slovenija/
(Note: Ich habe versucht neutral zu sein, das ist etwas schwierig da Sprachbarriere bzw. weil es sehr wild zugeht und natürlich alles politisiert wird)

Quellen:
- Mehrere Beiträge von slowenischen Anbietern, v.a. von RTV Slovenija selbst - in Österreich interessiert sich bis auf eben Mini-Meldungen des ORF und ein, zwei ausführlicheren Berichten des Standards natürlich iweder niemand dafür, unsere Nachbarländer werden trotz historischer und enger kultureller Bindung leider immer vergessen :sneg:

Hier was auf Deutsch dazu gefunden habe:
https://www.rtvslo.si/radiosi/news/rtv- ... ung/535419
https://www.rtvslo.si/radiosi/news/igor ... ija/541124
https://www.derstandard.de/story/200011 ... auf-medien
https://www.rtvslo.si/radiosi/news/geri ... rtv/532127

Hintergrundartikel der Deutschen Welle zu Journalismus in Slowenien:
https://www.dw.com/de/slowenien-wer-nic ... a-53362993

andimik
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Re: Geplante Umstrukturierungen bei RTV Slovenija: Mögliche Einstellung von Regionalprogrammen + Senderwartung in Gefahr

Beitrag von andimik »

Das habe ich im Sommer schon geschrieben.

viewtopic.php?p=1550778#p1550778

RTL 102.5 Fan
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Re: Geplante Umstrukturierungen bei RTV Slovenija: Mögliche Einstellung von Regionalprogrammen + Senderwartung in Gefahr

Beitrag von RTL 102.5 Fan »

andimik hat geschrieben:
So 20. Dez 2020, 23:12
Das habe ich im Sommer schon geschrieben.

viewtopic.php?p=1550778#p1550778
Ah, sorry, ich hab zwar extra durchgescrollt, aber der Beitrag ist mir wohl nicht aufgefallen...

Auf jeden Fall sehr interessante Entwicklungen, RTV Slovenija scheint ja seit Jahren schon chronisch unterfinanziert zu sein. Dennoch interessant, dass man etwa in DAB+ investiert. Wie auch immer, man kann nur hoffen, dass es nicht zum Abbau der 500 Posten bzw. der Einsparungen von 15 Millionen jährlich kommt.
Ich hätte ja eher das Gegenteil gedacht, gerade durch solch eine Krise zeigt sich stärker wie wichtig auch ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk ist, aber anscheinend wird das anders gesehen - egal von welcher politischen Seite.

andimik
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Re: Geplante Umstrukturierungen bei RTV Slovenija: Mögliche Einstellung von Regionalprogrammen + Senderwartung in Gefahr

Beitrag von andimik »

dennoch interessant, dass man etwa in DAB+ investiert.
Das ist die einzige logische Methode, um Geld zu sparen. UKW endlich abschalten zu können, darauf freuen sich schon einige RTV Mitarbeiter in unserem Nachbarland.

Außerdem hat man das Ziel, den Mux R1 voll zu bekommen schon seit Herbst 2019 (seit über einem Jahr) erreicht. Die 558 fremden CUs bescheren RTV Slovenija pro Monat ja ca. 17.000 EUR Einnahmen (berechnet aus ca. 30 EUR pro CU).

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