@Habakukk
Ah, merci, ich hab die gemischte Polarisation übersehen. Die BNetzA-Liste berücksichtigt anscheinend immer nur eine Polarisationsebene bei der Leistungsangabe.
andimik hat geschrieben: ↑Mo 2. Mär 2026, 10:18
Ist es denn üblich, 60W h und 60W v mit 120 Watt gleichzusetzen (sprich zu addieren)? So oft kommt das ja nicht vor.
Das geht dann, solange die Polarisationsebenen aufeinander normal stehen. Dann hat man als Vorfaktor cos (90°) = 0 im Zusatzterm bei der vektoriellen Addition stehen und damit addieren sich die einzelnen Leistungen pro Ebene. Hat man dagegen beispielsweise die Kombination aus vertikaler und schiefer Polarisation (z.B. 45°), kommt der Zusatzfaktor zum tragen, ebenso die Phasenlage. Die Kombination vertikal/schief oder schief/horizontal dürfte allerdings sehr selten vorkommen, auswendig weiß ich gar keinen Senderstandort mit so einer Kombination.
Üblicherweise werden bei gemischter Polarisation (m) die maximalen vertikalen und horizontalen Leistungen einfach addiert, wenn man nur eine Spalte für die Gesamtleistung hat.
Dies wurde in manchen Publikationen tlw. auch dann gemacht, wenn die horizontale und vertikale Strahlung in völlig unterschiedliche Richtungen ging.
Das ist m.E. dann falsch! Hier müsste man sich das Maximum suchen, wo die Kombination(!) aus vertikaler und horizontaler Leistung am größten ist.
Bei der 106,2 in Salzburg hat man z.B. 2kW horizontal Richtung Nordosten, und 230W vertikal Richtung Süden, die gehen genau in die Lücke des horizontalen Diagramms.
Da kann man also nicht einfach 2 + 0,23kW rechnen.
Es gibt dann auch noch die zirkulare Polarisation (c), die irgendwie auch "gemischt" ist. Hier hat man im Diagramm einen horizontalen und vertikalen Anteil, man rechnet das dann aber üblicherweise NICHT zusammen. In Italien gibt es das häufiger bei der RAI.
Der Unterschied zwischen mixed und zirkular besteht in der Phasenlage zwischen den Wellenzügen. Bei mixed Polarisation (also linear vertikal und linear horizontal) beträgt der Phasenwinkel 0° und bei zirkular hat man 90°. Auch hier sind die Leistungen gleichmäßig aufgeteilt, da die Amplituden gleich groß sind. Eine ungleiche Aufteilung ergäbe sich bei elliptischer Polarisation, an der Struktur der Summenformel ändert sich aber nichts.
Bei zirkularer Polarisation darf man also schon audh die Einzelleistungen aufaddieren. Man nehme zwei Yagi-Antennen, die normal aufeinanderstehen, aber mit 90° Versatz angespeist werden. Bei einer Helical-Antenne sieht es anders aus, das ist nur eine Antenne und keine Kombination aus zwei linear polarisierten Antennen. Freilich kann man ein zirkulares Signal quasi rückwärts in einen horizontalen und vertikalen Anteil zerlegen.
Die 106,2 auf dem Gaisberg ist ein ganz komplizierter Fall, das sind ja zwei getrennte Antennenanlagen im Abstand von ungefähr 12 m. In meinem Systemberechnungsprogramm bringe ich beide gar nicht unter einen Hut, ich würde das als "h + v" bezeichnen, aber nicht als "m". Eigentlich ist das ein SFN mit nur einem Modulator und extrem geringen Abstand der Sendeantennen. Wenn man das Versorgungsgebiet simulieren will, müßte man beispielsweise in Radiomobile eigentlich zwei Sender reinsetzen. Man muß dann explizit einen Zeitversatz angeben, den man aber auf 0 setzen kann.
OT: Der Schöckl ist auch noch ein interessanter "mixed" Standort, da hier der Anteil von h und v nicht gleich verteilt ist. Hier hat man 60kW horizontal und 20kW vertikal, beides rund abgestrahlt. In Summe kommt man auf die 80kW, die für den Schöckl auch immer angegeben werden.
Gut, 100%ig identisch können die Diagramme für h und v eigentlich nie sein. Vermutlich ist die vertikale Keule doch fast immer breiter als die horizontale, oder? Insofern verwundert es mich tlw, wenn das h Diagramm und v-Diagramm komplett identisch angegeben ist.
In Österreich gibt es gemischte Polarisation bei einigen ORS-Standorten. Bei der Sesta nutzt man m.W. durchwegs entweder h oder v, nie beides gemischt.
In Deutschland gibt es das glaube ich nirgends (außer ein paar zirkular abgestrahlte tlw ehemalige AFN-Frequenzen in Heidelberg, Mannheim oder Kaiserslautern). In Großbritannien nutzt man das häufiger, soweit ich weiß. In Italien bei der RAI offensichtlich auch.
Wäre interessant, aus welchen Gründen man sich jeweils dafür oder dagegen entschieden hat.
Bei den Angaben zu den Antennendiagrammen verfährt die ORS relativ großzügig, weder werden der Frequenzgang des Diagramms noch die Unterschiede im horizontalen Diagramm bei H-Pol und V-Pol berücksichtigt. Das heißt, für einen typischen ORF-Standort mit drei Frequenzen schauen die Einzüge im Diagramm allesamt gleich aus, logischerweise ist auch der Gewinn gleich. Stimmt so in der Praxis nicht, aber Abweichungen von +/-10 % muß man einfach einkalkulieren und sind auch akzeptabel.
In der UKW-Sendetechnik kommen nur kurze Antennen vor, lediglich die K522217 von Kathrein (8-Ele LogPer) erreichte mit 2,60 m eine stattliche Länge. Diese 46 kg schwere und unhandliche Antenne (deren Produktion inzwischen eingestellt wurde) kommt allerdings eher in ORF-Ballempfangsanlagen zum Einsatz, als Sendeantenne wird sie wegen ihrer schmalen Diagrammkeule seltener verwendet. Bei kurzen Antennen gibt es merkliche Unterschiede im H- und E-Diagramm, letzteres ist deutlich schmäler und hat vor allem seitlich ganz starke Einzüge, das H-Diagramm verläuft viel "weicher", es fehlen Nullstellen, die Einzüge im rückwärtigen Diagramm können je nach Antennentyp aber recht ordentlich ausfallen. So etwas gehört in den Diagrammangaben definitiv berücksichtigt, da geht es um deutlich mehr als 10 % Abweichung.
Erst bei ganz langen Antennen (relative Boomlänge ab ca. 3 Lambda) wird das Diagramm zunehmend rotationssymmetrisch (ab einer relativen Boomlänge von 1 Lambda spricht man von Langyagi-Antennen). Es gibt einige Design-Entwürfe von mir mit 9 m bis 16 m Boomlänge, da fällt der Unterschied zwischen H-Pol und V-Pol nur noch marginal aus. Auf höheren Frequenzbändern kommt man viel eher in den Bereich von größer gleich 3 Lambda, UKW-Antennen mit diesen Ausmaßen kenne ich in der Praxis nicht, von ein paar wenigen Seil-Yagiantennen abgesehen.
Der Vorteil der mixed-Polarisation liegt darin, daß es egal ist wie die Empfangsantenne orientiert ist. Für DXer bietet die zirkulare Polarisation den Vorteil, daß man bei Sporadic-E-Überreichweiten dem Faraday-Effekt bis zu einem gewissen Grad entkommen kann. Im Gegensatz zu linear polarisierten Antennen bleiben bei Zirkular-Antennen die Es-Signale viel länger erhalten bzw. sind stabiler.